Welche Therapie-Ansätze gibt es?

Ganz klar kann gesagt werden: Eine einzige Maßnahme kann und wird bei einem solch komplexen, multifaktoriellen Störungsbild keinesfalls nachhaltige Erfolge erzielen können. Solch eine Vorgehensweise in Erwägung zu ziehen wäre keinesfalls zielführend und vielleicht auch unverantwortlich.

Daher erlauben wir uns von KONZENTRUM eine weitaus sinnvollere Vorgehensweise im Umgang mit ADHS mit der folgenden knappen Phrase zu beschreiben:

»Vielfalt anstatt Einfalt«

oder, fachlich korrekt formuliert, die

Multimodale Therapie

Wurde also ADHS oder ADS einmal als sehr wahrscheinlich eingestuft, sollte man an eine Besserung des Leidensdrucks also keinesfalls einseitig, sondern eben »vielseitig« herangehen, ohne das betroffene Kind zu überfordern.

Neuroprotektion

Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren haben sich als sinnvolle Nahrungsergänzung zur Verbesserung der Hirnleistung erwiesen.

In mehreren Studien konnte die Wirksamkeit von hochdosierten Omega-3-/Omega-6-Fettsäuren bei Aufmerksamkeitsstörungen bzw. Störungen schulischer Fertigkeiten wie Lesen und Schreiben sowie auf das Verhalten gezeigt werden. In Österreich ist derzeit ein Omega-3-/Omega-6-Fettsäure-Präparat als diätetisches Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke zur Behandlung von Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen in der Kindheit und Adoleszenz verfügbar (Equazen Pro).

Verhaltenstraining (Psycho-Edukation)

Vor allem als begleitende Maßnahme zur Medikation ist ein prozessorientiertes Verhaltenstraining und eine fundierte Information aller Beteiligten (Edukation), sowie ein behutsames Coaching der gesamten Familie und vielleicht auch der Bezugspersonen in Schule und Arbeitsumfeld nahezu unverzichtbar. Einer fundierten Beratung durch einen Familienberater, Erziehungsberater, Psychotherapeuten oder klassischen Verhaltenspädagogen wird erst in letzter Zeit immer mehr und immer nachhaltigere Bedeutung zugeschrieben. Die genannten meist sehr erfahrenen Fachleute verhelfen allen Beteiligten im System zu einer zielgerichteten Verhaltensmodifikation, also der Änderung in ihren Verhaltensmustern, die oft von so starker Präsenz sind, dass man sie weder selbst bemerkt noch sie zu ändern imstande ist. Viele »alte Muster« kehren nach einiger Zeit sogar dann wieder, wenn man ein »neues Muster« schon längst als wesentliche Verbesserung wahrgenommen hat. Wir alle neigen dazu, in unsere alten Muster so richtig »verliebt« zu sein…

Damit dies für Sie nicht zu theoretisch bleibt, verweist unser Verhaltens-Pädagoge, Gerhard Spitzer, auf die von ihm so genannte »Stör-Falle«, die ein spezifisches, oft beobachtetes Verhaltensmuster darstellt, welches beispielsweise einen signifikanten Einfluss auf die auf Aufmerksamkeitsspanne eines Kindes oder Jugendlichen haben kann.

Aber auch andere Verhaltens-Tipps können durch Psycho-Edukation transportiert und vor allem trainiert werden.

Einige Beispiele finden Sie hier gelistet:

Verhaltenstherapeutische Ansätze

(anwendbar durch jede vertrauensvolle Bezugsperson)

Die »Sinnes-Redundanz«©

Unter „Redundanz“ (latein. redundare „im Überfluss vorhanden sein“) versteht man grundsätzlich einen Zustand von Überschneidung oder Überfluss. In der Kommunikationstheorie beispielsweise bezeichnet Redundanz das mehrfache Vorhandensein ein und derselben Information.

ADHS-Betroffene haben das Problem der Impulskontroll-Störung. Das heißt, es kann jeder noch so unwichtige Impuls den gerade aktuellen Gedanken auslöschen, quasi inexistent machen. Besonders leicht passiert das, wenn nur eine einzige Sinneswahrnehmung am gerade laufenden Gedankenprozess beteiligt ist.

Also hilft man dem ADHS-Betroffenen dadurch ganz entscheidend, wenn man gewährleistet, dass ein und derselbe Prozess mit zwei oder mehreren Sinnen gleichzeitig wahrgenommen werden kann.

Man gibt einem ADHS-Betroffenen einen Gegenstand in die Hand und hofft, dass er ihn nicht Augenblicke später einfach verlegt oder vergisst. Dies kann passieren, weil nur eine einzige Sinneswahrnehmung, das Ergreifen bzw. der eigenen Muskeltonus, an diesem Vorgang beteiligt ist. Um mehrere Sinne miteinzubeziehen beschreibt unser Verhaltenspädagoge, Gerhard Spitzer, mehrere Stufen der Sinnes-Redundanz.

Stufe eins: Die liebevolle Bezugsperson ergreift gleichzeitig mit der Übergabe des Gegenstandes den Handrücken oder Unterarm des Gegenübers.

Stufe zwei: Die Bezugsperson sieht noch während der Übergabe des Gegenstandes dem Gegenüber in die Augen,

Stufe drei: Zusätzlich kann die Bezugsperson auch die auditive Wahrnehmung mit einbeziehen. Zum Beispiel bietet sich hier eine Frage an: »Hast du es?« oder »Hältst du es für mich fest?«

Stufe vier: Schließlich kann quasi als »höchste Stufe« des Sinnes-Redundanz-Modells auch eine kognitive Leistung, beispielsweise als Antwort erwartet oder gefordert werden: »Ja ich habe es !« oder »Aber gerne! Ich halte es für dich!«.

So kann eine Kombination aus Muskeltonus, Tastsinn, Gehör und über das Fühlen der Haut (taktile Wahrnehmung), sowie sogar durch kognitive Leistung (z.B. eine logische Antwort) die Handlung in mehreren Sinnesebenen »abgespeichert« und damit auch nachhaltig wahrgenommen werden.

Bonus-Stufen: Mit der vorher beschriebenen »höchsten Stufe« ist aber die Sinnes-Redundanz sicherlich noch nicht zu Ende. Vielleicht fallen auch Ihnen noch einige andere zusätzliche Impulse ein, die Sie Ihrem Kind, Schüler oder Partner geben können?

Eine Denkhilfe möchte KONZENTRUM Ihnen noch geben:

Gleich nachdem Sie den unmittelbaren Kontakt zu Ihrem Kind oder Partner unterbrochen haben, können Sie schon wieder nachfragen: »Wo hast du den Füller denn hingesteckt?«, oder  »Hast du deinen Golddukaten immer noch?« Schon wird erneut eine Antwort, also eine kognitive Leistung notwendig, die das betroffene Gehirn mit der letzten Handlung in Verbindung bringen muss.

KONZENTRUM möchte jenen, die befürchten mit dieser Vorgehensweise vielleicht eine Überforderung auszulösen, ihre Sorge nehmen:

Sofern all dies eher spielerisch als aufdringlich formuliert und durchgezogen wird, nimmt dies ein ADHS-betroffener Mensch ganz sicher bald als Hilfestellung und nicht als Belastungsfaktor war.

Die »Gefühlsverknüpfung«

Ebenso wie die Sinnes-Redundanz ist auch dieser verhaltenstherapeutische Ansatz eine überaus hilfreiche Maßnahme gegen die bei ADHS so oft signifikant erhöhte Neigung zur Zerstreutheit oder Vergesslichkeit.

Theorie:

Jeder Handlungsstrang wird, auch beim »normalen« Menschen, viel besser abgespeichert, wenn er mit einem Gefühl verbunden, also »verknüpft« werden kann! Beim ADHS-Betroffenen ist dieser Fakt noch um ein Vielfaches bedeutender: Durch die fehlende Impulskontrolle kann ein ADHS-Betroffener seine Handlung nur schwer mit einem klar zuordenbarem Gefühl verbinden. Ganz »von alleine«, wie das beispielsweise bei ganz »normalen« Menschen funktioniert, geht das jedenfalls beim ADHS-betroffenen Gehirn nicht. Man muss diese Fähigkeit trainieren:

Praxis:

Motivieren sie Ihr Kind oder Ihren Partner dazu, sich täglich mehrmals, sobald sie Gegenstände berühren, Düfte riechen, Nahrungsmittel schmecken, Töne hören, bewusst dabei folgendes zu fragen: »Woran erinnert mich das?«; »Was fühle ich jetzt gerade dabei?«; »Was macht das gerade jetzt mit mir?«

Dieser Vorgang trainiert ganz massiv die Fähigkeit, Gedanken längerfristig zu verknüpfen und erhöht dadurch nachhaltig die Fähigkeit, sich Dinge und Vorgänge einfach längerfristig zu merken.

Die bei ADHS oft so augenfällige Zerstreutheit lässt signifikant nach.

Federführend bei diesem verhaltenstherapeutischen Ansatz war übrigens die Universität Freiburg (Deutschland), die diese Methode jedoch hauptsächlich für ADHS-betroffene Erwachsene entwickelt hat.

Zappelphilipp im Grünen

Ein Spaziergang im Wald kann Kindern mit augenscheinlich erhöhter Konzentrationsstörung im Kontext ADHS offenbar genauso gut helfen, wie beispielsweise die am meisten beforschte und weltweit angewandte Substanz, Methylphenidat.

Dazu gibt es sogar eine belegte wissenschaftliche Studie aus dem Jahre 2005:

Wissenschaftler der State-University of Illinois Universität Illinois (die Professorinnen Taylor AF, Kuo FE. vom Department of Natural Resources and Environmental Sciences, Urbana, Illinois) probierten folgendes aus: Sie ließen 17 Kinder mit ADHS im Alter von 7 bis 12 Jahren im Abstand von einer Woche 20 Minuten spazieren gehen. Die Ausflüge fanden jeweils unter gleichen Bedingungen statt: Zur selben Tageszeit und mit derselben Begleitperson. Und zwar ein Mal in der Innenstadt, ein weiteres Mal in einer gepflegten Gegend in der Stadt, und ein drittes Mal in einem Grünpark.

Vor dem Waldspaziergang hatten die Forscher den Kindern kein Medikament mehr verabreicht, um die Wirkung des Experiments messen zu können.

Nach jedem Spaziergang machten sie einen anerkannten Konzentrationstest. Dabei kam ein erstaunlicher Effekt des Spaziergangs im Grünen zutage: Die Kinder konnten sich nach diesem Spaziergang genauso gut, manche sogar besser konzentrieren wie nach ihrer sonst üblichen Behandlung mit dem Wirkstoff Methylphenidat.

Da bestimmte Psycho-Stimulanzien bei so manchem Kind oft auch zu stärkeren Nebenwirkungen, wie völliger Appetitlosigkeit und vor allem stark beeinträchtigter Schlafarchitektur, führen können, kann also für so machen die »leicht verträgliche« und sogar kostengünstigste Alternative ein gelegentlicher Spaziergang im Grünen sein!

Doch ganz egal was es eventuell in puncto Konzentration bringen kann: Ein konsequenteres Ausflugsprogramm mit betroffenen Kindern hinaus in Wald und Flur, muss wohl jedem Elternteil und Betreuer sicher einen Versuch Wert sein.

Tierbegleitete Therapie

Erhalten ADHS-betroffene Kinder aber auch Erwachsene die Gelegenheit, mit qualifizierter Unterstützung ernsthaft aber entspannt mit Tieren zu arbeiten, so ändert sich deren Verhalten meist nahezu augenblicklich und führt zu einer gänzlich neuen Selbstwahrnehmung. An anderer Stelle beschreibt KONZENTRUM schon die Bedeutung der Selbstwahrnehmung bzw. des Selbstwertgefühls im Kontext ADHS.

Einer der Hauptproblemkreise von ADHS-Betroffenen ist überdies deren Wahrnehmung durch ihr Umfeld. Vor allem Kinder werden mit ihren Symptomen als »belastet« und damit in ihrem Umfeld auch als »belastend« empfunden.

Und genau hier kommt die Arbeit mit Tieren ins Spiel: Wie sich jeder sicherlich gut vorstellen kann, gehen Tiere auch an noch so sehr belastete Menschen völlig wertfrei, jedenfalls aber mit völliger Hingabe heran. Unter fachkundiger Anleitung können so positive Verhaltensmuster in direkter Interaktion mit den Tieren »erfühlt«, erarbeitet und schließlich eingeübt werden. In den allermeisten Fällen lassen sich schon nach wenigen Therapiestunden erstaunliche Verbesserungen in Bezug auf Einzelsymptome oder sogar den gesamten Symptomcluster feststellen. In außergewöhnlich vielen beobachteten Fällen war überdies eine hohe Nachhaltigkeit, also ein Langzeiteffekt festzustellen.

Der »Kindertierkreis ARTEMIS – Zentrum für tierbegleitete Entwicklungsförderung« (im Raum St. Pölten) führt spezielle Therapietage und Wochenprojekte für von ADHS-betroffene Kinder und Jugendliche durch. Aber auch solche, die nur einzelne signifikante Symptome zeigen, beenden mit spürbar verminderter Symptom-Ausprägung bzw. stark positiv modifizierten Verhaltensmustern ihre Therapieeinheiten. In Kürze können Sie über diesen Link »Tiere fördern Kinder« die Therapiestunden oder Projekttage für Ihr Kind buchen.

Homöopathie und andere Therapieformen

Die Verabreichung der berühmten kleinen weißen Kügelchen (Globuli), wird vielerorts als wirkungslos, zuweilen sogar als »Humbug« oder mit noch schärferen Termini verurteilt.

Sofern sich ein ausgebildeter Homöopath, der für gewöhnlich auch promovierter Allgemeinmediziner ist, ausreichend lange mit Betroffenen beschäftigen kann (einige Stunden) und das auf ihn »perfekt passende« homöopathische Mittel findet, sind Erfolge beobachtet worden. Aufgrund der fehlenden wissenschaftlichen Beweise wird aber der Einsatz der Homöopathie ebenso wie der von phosphatarmer Diät oder alleinige Mototherapie von Experten als entbehrlich eingestuft.

Weitere Multimodale Therapieformen wie die Ergo-Therapie, klassische Psychotherapie, die sensorische Integration sowie neuere technikgestützte Therapieformen, wie das Neurofeedback (Hämoencepahlographie) wird KONZENTRUM an dieser Stelle in Kürze detailliert beschreiben. Neurofeedback hat sich aber erst in kleineren Studien bewährt.